Guerres invisibles. Nos prochains défis géopolitiques

Lesedauer 4 Minuten

Thomas Gomart : Guerres invisibles. Nos prochains défis géopolitiques Paris: Tallandier, 2021.

Eine Buchrezension


„Die strategische Reflexion in Paris ist für die SPD sowohl Provokation als auch Stimulanz, auch wenn sie uns dabei hilft zu verstehen, was wir nicht wollen“ – so Fritz Felgentreu in einem kürzlich erschienenen Papier zur Verteidigungspolitik der SPD.[1] Davon ausgehend wird hier das Buch Guerres invisibles („Unsichtbare Kriege“) von Thomas Gomart, Direktor des französischen Institut des relations internationales (IFRI) vorgestellt – denn sein zutiefst realpolitisches Buch dürfte in der deutschen Diskussion ebenso „provokant“ wie „stimulierend“ wirken.


In Guerres invisibles versucht Gomart eine Analyse der Konfliktlinien unseres Jahrhunderts. Gedanklicher Ausgangspunkt ist ein 1999 erschienener Beitrag der chinesischen Militärs Qiao Liang und Wang Xiangsui.[2] Darin formulierten sie die These, dass das Militär durch die Vernetzung der Welt sein Monopol über den Krieg verlieren würde. Zwar würde klassische Militärpolitik nicht verschwinden, doch würden viele weitere Formen des Krieges hinzukommen. Denn im 21. Jahrhundert bestünde Krieg nicht mehr nur aus militärischen Konfrontationen nach Clausewitz, mit der Konzentration von Entscheidungen in Zeit und Raum. Vielmehr würde ein fluktuierendes Mosaik mehrerer parallel laufender „Kriege“ das Geflecht der internationalen Beziehungen bestimmen. Die Liste von Liang und Xiangsui umfasst 24 Typen von Krieg, welche vom ökologischen, dem Handels- oder Cyberkrieg zum konventionellen und nuklearen Krieg reichen. Da nicht auf allen Feldern gleichzeitig Krieg herrschen könne, wäre eine permanente Ineinander-Verschränkung von Konflikt und Kooperation wahrscheinlich. Genau an diesem Punkt, so argumentiert Thomas Gomart, stehen wir nun.

Drei Kernvermutungen ziehen sich dabei als roter Faden durch sein Buch.

Erstens wird vor allem die chinesisch-amerikanische Konfrontation das 21. Jahrhundert strukturell prägen: Das liegt nicht nur daran, dass beide nach Vorherrschaft streben werden. Es liegt auch daran, dass beide gemeinsam etwa 45% der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen ausmachen und dadurch paradoxerweise die Welt in ein Schlachtfeld verwandeln können. Der Klimawandel wird diesen Konflikt also nicht hemmen, sondern zuspitzen. Denn da beide mittels Geoengineering an der Fähigkeit zur Beeinflussung des Klimas arbeiten werden sie erst dann zu Kooperation bereit sein, wenn sie einen Vorteil über den andern erlangt haben.  

Zweitens wird es im internationalen „Spiel“ des 21. Jahrhundert vor allem um die Kontrolle neuralgischer „Knoten“ des globalen Systems gehen. Zu den klassischen Knoten (Meer, Luft- oder Weltraum) gesellen sich solche in der Datensphäre, die in den Technologien und Applikationen integriert sind, auf denen das gesamte digitalisierte System beruht.

Dies hat zwei Implikationen: Erstens ist die Fähigkeit zum Töten in der Kontrolle dieser Knotenpunkte nicht mehr so zentral wie die Fähigkeit zum Kontrollieren von Schlüsseltechnologien. Außerdem werden gegenseitige globale Abhängigkeiten nicht das System befrieden, sondern schlicht in den Wettlauf um Machtzuwachs integriert. Es kommt daher darauf an, auf der richtigen Seite der Asymmetrie zu stehen – und das setzt voraus, mehr Knoten als die anderen zu kontrollieren.

Drittens erwartet Gomart, dass die Konfrontationen der Mächte nicht zu einem starren, „eingefrorenen“ System wie im Kalten Krieg führen werden. Wahrscheinlicher sei ein fluktuierendes Mosaik, in dem Akteure wie Boko Haram, Regionalmächte wie die Türkei, große Internetriesen und Großmächte wie China und die USA gleichzeitig miteinander kooperieren und rivalisieren. Eine globale Ordnung durchzusetzen wird dadurch erschwert, dass es heute mehr Akteure und mehr Möglichkeiten gibt, regionale und globale Ordnungsentwürfe zu unterlaufen oder gar zu stören.

Dies wird dadurch begünstigt, dass viele der oben beschriebenen Kriege „unsichtbar“ bleiben werden, weil seine Waffen juristischer, monetärer oder biochemischer Natur sein können oder etwa die Form eines Datenkrieges, eines ökologischen oder eines Cyberkrieges annehmen.  

Was bedeutet dies aus europäischer und deutsch-französischer Perspektive?

Für Europa als Ganzes fällt Gomarts Urteil recht nüchtern aus. Einerseits verfügt es mit seinen Erfolgen – etwa in der Robotik und der KI, aber auch mit Programmen wie Galileo oder Copernicus – über echte Schlüsseltechnologien, die im Wettlauf um die Kontrolle der „Knoten“ wichtig sind. Allerdings sollte Europa dringend aufhören, sich als „Macht“ zu denken, zumal die Wahl Präsident Bidens jegliche Ambitionen europäischer Autonomie noch weiter mindert – vor allem in Berlin.

Auch beim Blick auf Frankreich ist Gomart realistisch: Trotz grandioser Rhetorik einer  „europäischen strategischen Autonomie“ gelinge es Frankreich nicht, die Europäer für die Vision einer „Großmacht Europa“ zu mobilisieren. Daraus folgen drei strategische Optionen für Frankreich: Eine erste Option wäre die nationale Souveränitätsprojektion unter Zuhilfenahme maritimer Stützpunkte weltweit: Dies könnte man mit dem Motto „Überall präsent bleiben, um überall Einfluss zu nehmen“ umschreiben. Eine zweite Option privilegiert die regionale europäische Sicherheit im Süden und Osten unter Anerkennung der Tatsache, dass in Europa nur Präsident Macron die NATO für hirntot hält. Die dritte Option beließe es beim Kampf gegen den Terror.

Insgesamt, so schreibt Gomart, ist es am wahrscheinlichsten, dass sich Frankreich der Bewahrung des Status Quo in einem um Deutschland herum zentrierten Europa zuwendet. Hier besteht das – maßgeblich mit Deutschlands Exportorientierung zusammenhängende – Ziel darin, auf équidistance zwischen Washington und Peking zu gehen: starke Handelsverbindungen mit China und starke Sicherheitsverbindungen mit den USA, also im Grunde ein kluges Dependenzmanagement ohne Großmachtansprüche. Frankreich müsste sich dafür zwar vom Gedanken der Europe puissance verabschieden, doch entspräche dies wohl den Wünschen Berlins und sei so die realistischste Option.

Fazit: Thomas Gomarts Buch ist ein sehr wertvoller Beitrag zur Debatte, weil er über provinziell-nationalstaatliche Betrachtungsweisen hinweg die strategischen Antworten Europas von den technischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts her denkt, und nicht vom illusorischen Ziel der „EU als globaler Macht“. Denn genau der themenspezifische Ansatz des Buches ist es, welcher vom Big Data über die Rolle der KI etc. das Nachdenken über europäische Strategien bereichern kann: Da Europa auf viele Jahre hinaus seine Außenpolitik wohl nicht wird komplett vergemeinschaften wollen scheint es sinnvoll, Europa als Bewahrer seiner savoir-faires zu denken, als Hüter seiner „Knoten“ und gleichzeitig als Ideenlabor, globalen Umschlagplatz, Wertehafen, Hilfssoldat und gelegentlich als Polizist, aber nicht als homogen strukturierte „Macht“ in den „unsichtbaren Kriegen“ der Großen.


[1] Fritz Felgentreu: La politique de défense sociale-démocrate à notre époque, in Allemagne d’aujourd’hui, n°235,2021/1, Seiten 192 – 202. Eigene Übersetzung. Seite 200.

[2] 1999 erschienen, wurde das Buch unter dem Titel “Unrestricted Warfare: China’s Master Plan to Destroy America” ins Englische übersetzt.

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Von Nicolas_Fesch

Ich habe in Tübingen, Aix-en-Provence und Paris Politikwissenschaft und Geschichte studiert. Meine Promotion befasste sich mit der Intervention in Afghanistan. Dieser Blog möchte zur Debatte um die Zukunft der europäischen Sicherheitsarchitektur beitragen.

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